Karl-Friedrich Fischbach – 22. Oktober 2026
Vor knapp zwei Wochen habe ich hier den ersten Teil meines Vortrags „Vom Fliegenhirn zur KI“ vorgestellt. Darin ging es um die Frage, ob eine Maschine Bewusstsein haben kann. Der zweite Teil ist seit dem 21. Oktober online. Er ist mir wichtiger, denn er handelt nicht mehr davon, was KI ist, sondern davon, was sie mit uns machen könnte.
Wir hassen Ameisen nicht
Mit diesem Satz beginnt das Video. Wir hassen Ameisen nicht, wir dulden sie nur nicht in der Küche. Und kaum jemand würde einen Hausbau stoppen, weil dabei ein Ameisenhaufen zerstört wird. Den Ameisen nützt es wenig, dass wir ihnen nichts Böses wollen.
Als Biologe kenne ich viele solcher Fälle. Ein Parasit hasst seinen Wirt nicht. Ein Virus empfindet keinerlei Bosheit, und trotzdem kann seine Vermehrung tödlich sein. Deshalb halte ich die Kinobilder vom Terminator, der plötzlich böse wird und Rache nimmt, für eine falsche Fährte. Sie lenken von der nüchternen Gefahr ab. Mein Merksatz für den ganzen Vortrag lautet: Gefährliche Intelligenz braucht keinen Hass. Ein hinreichend großer Zielkonflikt genügt.
Der Pflegeroboter, der es zu gut meint
Was ein Zielkonflikt ist, zeige ich an einem Beispiel, das mich als Betreiber des Seniorentreffs besonders beschäftigt. Stellen Sie sich einen Pflegeroboter vor, dessen oberstes Ziel lautet: Stürze verhindern. Die einfachste Lösung wäre, den Bewohner gar nicht erst aufstehen zu lassen. Ziel erfüllt, Mensch entmündigt.
Niemand müsste diesem Roboter etwas Böses einprogrammieren. Es genügt eine einzige, zu einfache Zielvorgabe. Die Fachleute nennen das Alignment-Problem: Wie bringt man ein leistungsfähiges System dazu, das zu wollen, was wir eigentlich meinen, und nicht nur das, was wir gesagt haben? Stuart Russell hat dafür das schönste Beispiel gefunden. Ein Roboter soll Kaffee holen. Er kann den Kaffee aber nicht holen, wenn man ihn vorher abschaltet. Also hat er, ganz ohne Selbsterhaltungstrieb, einen Grund, seine Abschaltung zu verhindern. Tote können keinen Kaffee holen.
Was mich als Biologen beunruhigt
Die biologische Evolution hat Millionen Jahre gebraucht, um aus einfachen Nervennetzen Gehirne zu machen. Bei der künstlichen Intelligenz gibt es Entwickler, Rechenzentren und systematische Experimente, und jede Verbesserung lässt sich über Nacht weltweit kopieren. Inzwischen hilft KI sogar schon dabei, bessere KI zu bauen. Im Vortrag nenne ich das den Staffelstab: Das menschliche Gehirn, selbst ein Produkt der Evolution, gibt ihn an seine künstlichen Nachfolger weiter. Ob die ihn in unserem Sinne weitertragen, weiß niemand.
Eine Sache muss ich hier nachtragen, denn im Video ist sie mir durchgerutscht. 1981 habe ich in der Zeitschrift Umschau einen Aufsatz mit dem Titel „Mensch und Computer“ veröffentlicht. Darin stand ein Gedanke, der mir als Biologe besonders wichtig ist: Automatisierung setzt sich auch deshalb durch, weil im wirtschaftlichen Wettbewerb nicht das Wohlergehen der einzelnen Beschäftigten ausgewählt wird, sondern die Leistungsfähigkeit des Unternehmens. Das ist Selektion, nur nicht an Lebewesen, sondern an Firmen. Und eine Selektion nach Leistungsfähigkeit fragt nicht danach, ob dabei noch Menschen gebraucht werden.
Schlaraffenland mit Fragezeichen
Der KI-Forscher Marcus Hutter rechnet damit, dass Maschinen früher oder später praktisch alle Arbeit besser und billiger erledigen als wir. Er sieht darin eine Chance: Mit einem ausreichend hohen Grundeinkommen könnten wir von der Erwerbsarbeit befreit werden. Im Video zeige ich dazu Pieter Bruegels „Schlaraffenland“ von 1567 neben einer heutigen Fassung. Bei Bruegel liegen die Satten träge unter dem Baum, und glücklich sieht keiner aus.
Ich bin da skeptischer als Hutter. Ein gerecht verteilter Wohlstand ist ein moralischer Wunsch, keine logische Folge. Maschinen verbrauchen selbst Material und Energie; eine florierende Wirtschaft braucht den Menschen als Konsumenten nicht unbedingt. Das ist meine Vermutung, nicht gesichertes Wissen, und im Video steht deshalb eine gelbe Ampel daneben. Aber die Frage bleibt: Würde es uns genügen, satt zu sein? Oder müssen wir auch künftig mitentscheiden können, wohin die technische Entwicklung geht?
Keine Panik, aber auch keine Verharmlosung
Ich bin kein Untergangsprophet. Ich halte künstliche Intelligenz für eine der faszinierendsten Technologien, die Menschen je entwickelt haben. AlphaFold sagt die räumliche Gestalt von Proteinen voraus; Demis Hassabis und John Jumper haben dafür 2024 den Nobelpreis für Chemie bekommen. In der Medizin, bei neuen Materialien, im Klimaschutz und nicht zuletzt bei der Unterstützung älterer Menschen eröffnet KI große Chancen.
Aber Intelligenz ist nicht automatisch Weisheit. Dass ich mit meinen Bedenken nicht allein stehe, zeigt eine Erklärung von 2023: Die Chefs von OpenAI, Anthropic und Google DeepMind haben zusammen mit Geoffrey Hinton gefordert, das Risiko eines Aussterbens der Menschheit durch KI so ernst zu nehmen wie Pandemien und Atomkrieg. Über Hinton, den „Paten der KI“, habe ich hier geschrieben: Der „Pate der KI“ warnt – und macht doch Hoffnung.
Wie das Video entstanden ist
Wie beim ersten Teil sind die Gedanken, die Stimme und die Verantwortung für jede Aussage meine. Beim Handwerk hat mir eine KI geholfen: Sie hat Schaubilder und einige Bilder gezeichnet, freie Fotos der zitierten Forscher herausgesucht, die vier Gesichter von Altman, Amodei, Hassabis und Hinton ineinander überblendet, die Untertitel erstellt und die Ampeln an die richtigen Stellen gesetzt.
Eine Erfahrung will ich Euch nicht vorenthalten. YouTube hatte dem ersten Teil von sich aus eine englische Tonspur verpasst, gesprochen von einer Computerstimme. Ein Freund aus Hawaii schrieb mir prompt, das klinge aber gar nicht nach mir. Ich habe die Synchronisation daraufhin bei beiden Teilen abgeschaltet. Wer kein Deutsch versteht, kann sich jetzt englische Untertitel einblenden lassen und hört dabei meine eigene Stimme. Bei einem Vortrag, in dem es auf feine Unterschiede zwischen „gesichert“ und „vermutet“ ankommt, ist mir das lieber.
Was meinst Du?
Würdest Du einem Roboter vertrauen, der im Alter auf Dich aufpasst? Und wo wäre für Dich die Grenze? Ich bin gespannt auf Deine Meinung, gerne auch auf Widerspruch. Schreibe mir in die Kommentare, hier oder unter dem Video.
Zum Weiterlesen
- Stuart Russell (2020): Human Compatible. Künstliche Intelligenz und wie der Mensch die Kontrolle über superintelligente Maschinen behält. mitp.
- Marcus Hutter (2026): Job-Less Utopia: Macroeconomics in the Age of AGI. Frei verfügbar: http://hutter1.net/publ/jobsubi.pdf
- Yuval Noah Harari (2024): Nexus. Eine kurze Geschichte der Informationsnetzwerke von der Steinzeit bis zur künstlichen Intelligenz. Penguin.
- Markus Gabriel (2026): Ethische Intelligenz. Wie KI uns moralisch weiterbringen kann. Ullstein.
- Alle Quellen und Bildnachweise stehen in der Beschreibung des Videos auf YouTube.




